IRONMAN Wales 2026: Von Platz 1084 auf Platz 101 – und ein Ticket nach Hawaii
3,8 Kilometer im Atlantik, 180 Kilometer über die Hügel von Pembrokeshire, ein Marathon durch die Gassen von Tenby: Der IRONMAN Wales gilt als eine der härtesten Langdistanzen der Welt. Am 13. September standen dort 2.277 Athletinnen und Athleten am Start, bei 19 Grad, Regen über den Tag. Unter ihnen im Ziel: Unser Regionalliga-Teamchef Julian Schepp, nach 11:13:23 Stunden als 101. des Gesamtfeldes, 16. der M35-39. Und am Tag danach mit einem Slot für die IRONMAN World Championship auf Hawaii in der Tasche.
Julian berichtet vom härtesten und schönsten Tag seiner Saison:
Der Eintrag auf der Bucket-List ist neun Jahre alt. 2017, nach meinem ersten IRONMAN in Frankfurt, bin ich über eine Liste der fünf härtesten Langdistanzen der Welt gestolpert. Nizza habe ich abgehakt, Hawaii auch, aber Wales stand seitdem auf dem Zettel. Letztes Jahr kam die Anmeldung. Und dann kam es in der Saison, was jeder kennt, der Kinder hat: sechs Wochen krank, gesund, wieder krank. Ich hatte mir eine klare Grenze gesetzt. Wenn es bis 90 Tage vorher nicht dreht, sage ich ab. Es hat sich genau an dieser Grenze gedreht. Ab da: all in.
Der Start in Tenby ist schwer zu erzählen. Walisische Nationalhymne, Feuerwerk, Bengalos, die halbe Stadt am Strand, und das morgens um sieben. Dann der Sprung in den Atlantik.
Das Schwimmen wurde zäh. Strömung und Welle in der hinteren Ecke haben mich richtig Kraft gekostet, und beim Ausstieg stand eine 1:31:50 auf der Uhr – deutlich mehr, als ich mir vorgestellt hatte. In dem Moment habe ich alle Ambitionen begraben. Rückblickend war das das Beste, was mir an diesem Tag passieren konnte. Ab da war das Rennen nur noch Genuss.
Was dann kommt, ist beim IRONMAN einmalig: 1,4 Kilometer läuft man vom Strand hoch zur Wechselzone, man zieht sogar vorher den Neo aus und Laufschuhe an. Es geht morgens um halb neun, durch fünfstellige Zuschauerreihen. So laut, dass die Ohren in der Wechselzone gepfiffen haben. Unbeschreiblich.
Auf dem Rad hat es nicht eine Minute aufgehört zu regnen. Mit Felgenbremsen auf nassen walisischen Straßen heißt das: Kopf einschalten, Druck dosieren. Die Strecke ist gnadenlos selektiv, zwar kein einziger Anstieg über 150 Höhenmeter, dafür 26 davon. Nach 90 Kilometern war ich schneller unterwegs als geplant und habe bewusst rausgenommen, später noch ein zweites Mal. Lieber fünf Minuten auf dem Rad verschenken als den Marathon verlieren. Am Heartbreak Hill standen mehr Menschen als an jedem Anstieg, den ich bisher gefahren bin. Am Ende: 5:56:25 Stunden auf dem Bike.
Die Rechnung ist aufgegangen. Aus der Wechselzone raus war der erste Gedanke: Was sind das für Beine? Die ersten zehn Kilometer bin ich geflogen, ohne ein einziges Mal auf die Uhr zu schauen. Überholt haben mich auf dem gesamten Marathon zwei Läufer, beide Profis auf einer schnelleren Runde. Dass meine Uhr bei Kilometer 21 ausgegangen ist, habe ich erst im Ziel gemerkt. Besser kann man ein Rennen nicht beschreiben. 3:29:29 bei 500+hm, damit bin ich sehr zufrieden.
Herausragend gemacht hat diesen Tag aber weder die Strecke noch die Zeit. Es war die IRONMAN Ohana in Tenby. Die ganze Stadt war auf den Beinen, die Leute standen zwölf Stunden im Regen und haben dich mit deinem Namen angefeuert. Ein Kind stand mit einem Schild da: „It’s my birthday, and I’m standing here for you.“ Vier Waliser, die wir am Mittag vorher im Pub kennengelernt hatten, hatten sich meine Startnummer aufgeschrieben und standen am nächsten Tag viermal mit einem Pint an der Ecke. In der letzten Runde habe ich angehalten und mich bedankt. So eine Stimmung habe ich noch nie erlebt.
Für den Zieleinlauf habe ich mir Zeit genommen. Meinen Vater gedrückt, der die ganze Woche dabei war. Alles aufgesogen. „You are an IRONMAN.“
Und dann kam der Montag. Zur Slotvergabe geht man nicht, wenn man nicht irgendwo im Hinterkopf noch eine Chance sieht. 26 Slots für die Herren, Julian auf Position 109 der Liste. Es ging 50, 70, 80 – und plötzlich war es durch. Bei acht verbleibenden Slots kam sein Name. Wer diesen Coin einmal in der Hand gehalten hat, weiß, was das heißt: 2027 geht es zurück nach Kona. Den Slot davor hatte übrigens Janik Ortanderl geholt, der in der Triathlon-Regionalliga für team-naunheim.de an den Start geht – 15. der M30-34 in 11:01:53. Zwei Drachen in Tenby, zwei Tickets nach Hawaii.
Warum tut man sich das neben Job und Familie an? Die Antwort ist immer dieselbe, und sie dauert nie länger als fünf Sekunden: der Heartbreak Hill im Regen. Das Kind mit dem Schild. „You are an IRONMAN.“ Und diesmal noch: „Kona qualified.“
Ein solcher Tag gehört nie einem allein. Danke an meine Familie, die zu Hause den Laden am Laufen hält, wenn ich samstags um sechs aus dem Haus gehe. Danke an meinen Vater für die Woche in Wales. Und danke die Menschen in Wales, die den Tag zu einem Besonderen gemacht haben.
Mit Aloha,
Julian
Das Ergebnis:
11:13:23 Stunden – 101. im Gesamtfeld, 16. Platz M35-39
Schwimmen 1:31:50 · Wechsel 11:26 · Rad 5:56:25 · Wechsel 4:12 · Marathon 3:29:29
Bemerkenswert ist der Weg dorthin: Nach dem Schwimmen lag Julian auf Gesamtrang 1084. Rad und Marathon haben daraus Platz 101 gemacht.
Bericht und Bilder: Julian Schepp




