Von Nizza nach Hawaii – Karin Hahnfelds Reise zwischen Vernunft, Mut und dem ganz großen Traum
Zwei Weltmeisterschaften. Zwei Distanzen. Ein unvergessliches Jahr.
Manche Jahre sind mehr als nur eine Ansammlung von Wettkämpfen. Sie sind eine Reise zu sich selbst. Eine Reise, auf der man lernt, auf den eigenen Körper zu hören, Ängste zu überwinden, Vertrauen zu entwickeln und am Ende vielleicht über sich hinauszuwachsen.
2026 war für mich genau so ein Jahr. Zwei Weltmeisterschaften standen auf meinem Rennkalender: die IRONMAN-70.3-Weltmeisterschaft in Nizza und die IRONMAN-Weltmeisterschaft auf Hawaii. Zwei völlig unterschiedliche Rennen, zwei ganz besondere Herausforderungen und zwei Erlebnisse, die ich für immer in meinem Herzen tragen werde.
Nizza IRONMAN-70.3-Weltmeisterschaft – der erste große Höhepunkt und ein Rennen mit Köpfchen
Der IRONMAN Nizza am 12. September 2026 sollte mein Vorbereitungsrennen für die große IRONMAN-Weltmeisterschaft auf Hawaii im Oktober werden. Und genau deshalb hatte ich mir vorgenommen, nicht um jeden Preis ans Limit zu gehen. Ich wollte ein gutes Rennen machen, meine Form überprüfen und vor allem gesund und leistungsfähig bleiben. Die Angst, mich zu verletzen, zu überpacen oder meine Kräfte zu früh zu verpulvern, war immer ein bisschen im Hinterkopf. Schließlich wollte ich einige Wochen später in Kona zu hundert Prozent bereit sein.
Schwimmen – ein gutes Gefühl trotz enttäuschender Zeit
Mein erstes Wettkampfschwimmen im Meer war großartig und enttäuschend zugleich! Großartig, weil es einen Riesenspaß gemacht hat im Rhythmus der Wellen zu schwimmen. Das Salzwasser hat mir einen guten Auftrieb gegeben. Außerdem war kaum Wellengang so früh am Morgen. Enttäuscht war ich über meine Schwimmzeit von 41 Minuten. Ich bin sofort in meinen Rhythmus gekommen und hatte eigentlich ein gutes Gefühl, aber leider bin ich zweimal etwas vom Kurs abgekommen, wodurch ich bestimmt ein paar Minuten habe liegen lassen.
Radfahren – tolle Landschaft, anspruchsvolle Strecke
Die Radstrecke mit 1200 HM zum Col de Vance hoch war sehr anspruchsvoll aber wunderschön. Ich bin die Strecke relativ defensiv angegangen. Die vielen Bodenwellen in den Ortschaften waren tückisch. Mit Speed und im Auflieger kann dich so eine Bodenwelle vom Rad reißen und dein Rennen ist vorbei. Ich war beim Bergabfahren permanent hochkonzentriert und angespannt. Das war sehr anstrengend.
Laufen – meine Paradedisziplin
Ich konnte den Halbmarathon konstant und kontrolliert durchlaufen. Keine großen Einbrüche, kein dramatischer Kampf gegen den eigenen Körper. Stattdessen ein Lauf, bei dem ich mich zunehmend sicher fühlte und merkte, dass meine defensive Fahrweise auf dem Rad aufgegangen war. So war ich die letzten Kilometer mit einer 4:30er Pace auf der Überholspur und bin gefühlt ins Ziel geflogen! Die Zuschauer haben ordentlich gepusht und Stimmung gemacht. Auch Manni, mein Mann, stand an der Strecke und seine Rufe haben mich ins Ziel getragen! Es war einfach nur großartig!
Nach 1:38:30 Stunden war der Halbmarathon geschafft. Meine Gesamtzeit betrug 5:50:56 Stunden: 41:18 Minuten im Wasser, 3:21:48 Stunden auf dem Rad und anschließend der starke Lauf.
Auch wenn Nizza für mich eher ein defensives Rennen war, war ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden und stolz auf mein trotzdem gutes Rennen. Meine Rennverpflegung war gut abgestimmt und meine Pacing-Strategie war voll aufgegangen. Ich war auf der Überholspur… und konnte mich von Platz 119 nach dem Schwimmen auf Platz 21 nach dem Zieleinlauf vorschieben. Vermutlich wäre noch etwas mehr gegangen, aber irgendwo in meinem Hinterkopf wartete bereits Hawaii auf mich.



Hawaii – der Mythos und mein ganz persönlicher Traum
Es war meine zweite Langdistanz. Und allein der Gedanke, bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii am Start zu stehen, war schier unglaublich.
Kona ist eben nicht irgendein Rennen. Kona ist Mythos. Geschichte. Gänsehaut. Ein Ort, an dem sich die besten Langdistanzathletinnen und -athleten der Welt treffen und an dem man sich als Agegrouperin plötzlich selbst als Teil dieser großen IRONMAN-Geschichte fühlt.
Auf dem langen Flug (28 Stunden) über San Francisco nach Hawaii waren fast ausschließlich Triathleten an Board – alle mit eigenem Fahrrad. Somit war nicht ausreichend Platz im Frachtraum, um alle Koffer von San Francisco nach Hawaii zu transportieren, sodass einige Koffer erst am nächsten oder übernächsten Tag ankamen. Ich hatte zum Glück meine komplette Rennausrüstung samt Verpflegung im Handgepäck dabei. Man weiß ja nie…
Drei Tage nach meiner Ankunft wurde eine 90 Kilometer lange Trainingsausfahrt von Hawi nach Kona (Originalwettkampfstrecke nach dem Wendepunkt) angeboten, an der ich teilnahm. Die Strecke war brutal anstrengend und hat mir gleich den Stecker gezogen. Die schwüle Hitze von knapp 40 Grad, zwei schlaflose Nächte, die mir noch in den Knochen steckten, und die Zeitverschiebung von zwölf Stunden gaben mir den Rest! Am nächsten Tag folglich: Ruhetag, Beine hochlegen, gemütlich mit Blick auf den Pazifik im Kona Heaven Coffee am Ali’i Drive die Seele baumeln lassen. Ein paar Tische weiter saß Jan Frodeno, der mich freundlich gegrüßt hat.
Täglich wurde es voller in Kona. Immer mehr Triathleten reisten an. Diese Stimmung ist einzigartig auf der Welt. Jeder ist fokussiert, gut drauf und immer für ein Pläuschchen zu haben. Viele Newcomer und etliche Wiederholungstäter treffen sich täglich beim Schwimmen am Dig Me Beach oder beim Laufen auf dem Ali’i Drive. Es ist unbeschreiblich!
Meine Strategie für das Rennen stand. Nicht dem Tempo anderer hinterherzulaufen. Sondern meinen Plan umzusetzen – Schritt für Schritt, Stunde für Stunde. Ob mein Plan auf Hawaii unter ganz anderen Bedingungen genauso aufgehen würde, wusste ich nicht. Doch die vielen Trainingseinheiten haben mir viel Selbstvertrauen gegeben. Außerdem habe ich ein gutes Gespür für meinen Körper. Dass diese Strategie am Ende so unglaublich gut aufgehen würde, hätte ich im Traum nicht gedacht.
Schwimmen – über 1 Meter hohe Wellen und mein erster Massenstart (ich hatte Schiss)
Ich hatte mit 1:30 Stunden für die Schwimmstrecke gerechnet, doch ich war deutlich schneller.
Nach 1:21:53 Stunden verließ ich das Wasser. Was für ein Auftakt!
Auf dem Queen K Highway – der Kampf gegen den Wind
Der Wechsel aufs Rad fühlte sich gut an. Mein Ziel war klar: eine vernünftige Renneinteilung, zunächst bewusst locker meinen Rhythmus finden und mich nicht von der Stimmung mitreißen lassen, eine konsequente Verpflegung und möglichst wenig Energie verschwenden und kühlen, kühlen, kühlen!
Hitze, Luftfeuchtigkeit und Wind können aus einem ohnehin langen Rennen einen echten Überlebenskampf machen. Der Wind zeigte an diesem Tag allerdings sehr deutlich, wer hier das Sagen hatte. Er war brutal – und gefühlt war immer Gegenwind!
In solchen Momenten wird man ganz klein – jeder Kilometer fordert Kraft, Geduld und mentale Stärke.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich wieder Kona, fuhr die Palani Road hinunter, und da war das Publikum. Die Menschen, die Stimmung, das Rufen und Anfeuern. Die Atmosphäre war atemberaubend und schenkte mir Kraft und Energie. Meine Radzeit: 5:56:40 Stunden (Schnitt von knapp über 30 km/h).
Laufen – an die Grenzen kommen und doch glücklich sein
In der Wechselzone ließ ich mir Zeit. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, jetzt noch 42 Kilometer zu laufen! Aber: Du darfst in der Situation einfach nicht denken. Du musst komplett fokussiert sein, wie im Tunnel. So kämpfst du dich durch die 42 Kilometer. Aber gleichzeitig genießt du auch: das blaue Meer, die vielen Kinder, die Wasser und Cola angereicht haben oder mir Eiswasser über den Kopf gegossen haben und mich anfeuerten. In diesem Moment bist du komplett am Limit und gleichzeitig der glücklichste Mensch der Welt! Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben.



Das Energy Lab
Ich hatte mir die Strecke irgendwie einfacher vorgestellt. Das Energy Lab ist berühmt-berüchtigt für seine Härte – mental eine echte Prüfung. In meinem Kopf war die Strecke eine Wendepunktstrecke. Aber nein, während des Laufs war es eine Strecke mit endlosen Schleifen und Wendepunkten…
Dann ging es wieder auf den Queen K Highway. Der zog sich gefühlt endlos dahin, stetig leicht bergauf. So langsam kam ich immer mehr an meine Grenzen. Bei jeder Ampel dachte ich: Jetzt muss es doch rechts auf die Palani Road abgehen. Aber denkste! Doch irgendwann kam sie dann, die Palani Road.
André Rustom, ein Vereinskollege und mein weltbester Supporter vor Ort, stand genau an dieser Kreuzung und feuerte mich lautstark an: „Karin, du bist die beste deutsche Athletin und 20. in deiner Altersklasse. Außerdem siehst du großartig aus und läufst noch sehr locker.“ Das war ganz bestimmt gelogen, aber es half! André lief neben mir her und ich gab tatsächlich noch einmal Gas. Das sollten meine schnellsten Kilometer des Rennens werden… Ich lief die letzten 2 Kilometer in einer Pace von 4:40 ins Ziel!
Dann der große Moment auf dem roten Teppich, auf den ich so lange hingearbeitet hatte. Und die jubelnde Menge um mich herum. Zehn Meter vor der Ziellinie – ich blieb stehen und die Zeit blieb auch stehen! Die Stimmung war überwältigend. Dieser Moment! Für den ich trainiert, geschwitzt, gezweifelt und gekämpft und gelitten hatte! Den wollte ich genießen! Ich war im Himmel angekommen. So leicht fühlte ich mich! Ich hatte es geschafft und konnte kaum glauben, dass ich das gerade wirklich erlebte.
Mein Ergebnis
Zielzeit: 11:32:45 Stunden.
Davon 1:21:53 Stunden Schwimmen, 5:56:40 Stunden Radfahren und 3:57:52 Stunden für den Marathon.
Rang 18 in der Altersklasse W50–54 und schnellste deutsche Athletin.
Mein ganz persönliches Fazit zu Hawaii:
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Jahres: Man muss nicht immer schneller, härter oder kompromissloser sein. Manchmal gewinnt man gerade dann, wenn man auf sich hört, seinem Plan vertraut und im entscheidenden Moment den Mut hat, weiterzumachen.
Ich habe zwei Weltmeisterschaften erlebt, zwei völlig unterschiedliche Rennen bestritten und unglaublich viel über mich selbst gelernt. Ich habe erlebt, dass Angst nicht verschwinden muss, damit man mutig sein kann. Dass ein Plan auch unter extremen Bedingungen funktionieren kann.
Ich bin stolz auf diese Saison. Stolz auf meine Leistung, auf meine Entscheidungen und darauf, dass ich mir diesen Traum erfüllt habe.
Für diesen Moment hat sich alles gelohnt.
(Text: Karin Hahnfeld, Fotos: privat und gekauft)


