Langdistanz unter 9:00! Wer? Julian

Julian Schepp berichtet aus Italien


IRONMAN ITALY EMILIA-ROMAGNA
Cervia, Italy – 21. September 2019 – Julian Schepp


Mein Bericht


Ein wenig Vorgeschichte

Nach Hawaii ein neues Ziel zu definieren, ja sogar eine nächste Langdistanz zu vorzubereiten, war eigentlich für dieses Jahr nicht vorstellbar. Doch dann kam dann alles wieder einmal anders und irgendwie kam auch die Motivation zurück. Als ich dann im Mai aktiv nach einem Ironman Rennen schaute, waren nur noch Vichy in Frankreich, Kopenhagen in Dänemark, Zürich in der Schweiz, Bolten in UK und Emilia-Romagna in Italien für die Anmeldung offen.

Kopenhagen und Vichy: Beide im August, 4 Tage im Auto für 3 Tage Spektakel…. zu viel Urlaub aufgebraucht, zu viel Stress. 

Zürich: Schon gefinished, absolut traumhaft, aber persönlich stärkstes Rennen und was wäre, wenn es das nächste Mal schlecht laufen würde. Lieber nicht die guten Erinnerungen angreifen.

Bolten: Wer weiß, was die Briten bis zum Start anstellen.

OK, bleibt nur noch Bella Italia… Ist zwar eine Woche nach dem Ventouxman, meiner bisher härtesten Mittelsdistanz, aber man könnte einen ganzen Urlaub drum herum legen?!? Ok, dann halt für die Pizza danach ;-P


Über Ziele und Motivation

Der IRONMAN ITALY EMILIA-ROMAGNA war vom Zeitraum perfekt. Erst einmal Spaß-Training bis in den Sommer und dann mal schauen, wie die Fitness ist. Wichtig war mir, mental nicht zu verschleißen. 12 Wochen vor dem Ironman dann die Entscheidung: doch noch einmal mehr investieren, um Richtung Leistung zu gehen, oder weiter im Spaßmodus bleiben und „nur“ finishen? 

Gut, man muss dazu sagen, wenn man sein eigenes Training akribisch plant und sich eine Struktur erarbeitet hat, dann läuft der Automatismus auch im Spaßmodus. Am Tag der Entscheidung waren Schwimmumfänge, bei der 12 Wochen Marke, ähhhm nicht vorhanden und lange Radausfahrten auch nicht. Trotzdem empfand ich die Basis als gut und die Motivation stimmte. Also 12-Wochenplan geschrieben, Ernährung ernster genommen und mentale Vorbereitung gestartet. 

Kona? Ja gut, war natürlich im Hinterkopf und definitiv wieder eine Reise wert – jedoch nicht das Hauptziel.

Das Hauptziel: Das Potential auf dem Marathon ausschöpfen und kontrolliert radfahren. Nach dem Wings4Life hatte ich nun endlich wieder einmal eine super Lauffitness, wie zuvor zum Ironman France 2017. Letztes Jahr in Zürich waren es wegen einer Schienbeinkantenverletzung nur 600 KM Laufvorbereitung mit ständigem Training auf Messers Schneide. Selbst Nizza war durch die Hitze super hart und die Bedingungen für einen guten Marathon so nicht gegeben.


Start in die IRONMAN ITALY Woche

Nach einer Woche in Nizza und nach dem Rennen am Mont Ventoux mit Alex, erreichte ich nun Cervia an der Adriaküste im schönen Bella Italia. Das Örtchen Cervia direkt am Meer ist wirklich super schön, typisch italienisch und eine super Location für solch ein Rennen.

Der Fokus der Woche lag voll auf der Regeneration vom Ventouxman. Trotzdem fuhr ich doch nochmal am Mittwoch die Strecke ab und nahm am Donnerstag Abend am 10 KM Nightrun (Funrun) teil. Den Körper nicht einschlafen zu lassen ist ebenso wichtig wie die Regeneration.


DER IRONMAN ITALY EMILIA-ROMAGNA 

Das Ironman-Wochenende in Italien ist die größte Ironman Veranstaltung weltweit. 10 KM Nightrun am Donnerstag, Kidsrun am Freitag, Olympische Distanz (5150) / Halbdistanz (70.3) am Sonntag und das Hauptrennen, die Langdistanz (140.2), am Samstag. Es gehen an den drei Hauptrennen mehr als 7000 Starter aus 98 Nationen an den Start. Dies verleiht dem Wochenende einen internationalen Charakter und führt zu einer tollen Atmosphäre. So geben sich morgens am Start, nach der Aufforderung der Ironman Voice Paul K, Israelies, Pakistanis und Russen, Amerikanern die Hände, um sich ein erfolgreiches Rennen zu wünschen. Einer der tollsten Momente im Sport. Im Neo, vor dem Start in einen langen Tag, auf die vier magischen Worte hoffend, sind alle nervös, alle voller Hoffnung, alle voller Träume, einfach alle gleich.

Das Rennen ist super organisiert und strukturiert (ja, bin ich denn wirklich in Italien?). Das bisher auf jeden Fall der best organisierte IRONMAN. Die Leute hier sind sehr gastfreundlich, stehen hinter dem Event und das Essen ist ein Traum! Vielleicht war es die Pastaparty am Donnerstag oder das Risotto am Freitag, was mir die Beine am Racetag beschert haben.  


Der Rennbericht

Morgens vor dem Rennen ist alles super entspannt und ich komme stressfrei und voller Motivation am Start an. Die Stimmung am Start nach dem wunderbaren Sonnenaufgang ist magisch und das Team von Ironman heizt die Stimmung auf. Die Profis rund um Weltstar Cameron Wurf gehen ins Wasser. Noch ein Paar Minuten. Der Strom der Athleten fließt langsam auf die Startlinie zu, an der immer 8 Athleten alle 4 Sekunden, dem soggenanten Rolling-Start, in die Fluten entlassen werden. 3,2,1 Go. Ich starte und vorbei ist es mit Spaß. 150 m wate und renne ich, bis ich endlich zum schwimmen komme. Dann habe ich kurz Kontakt mit der ersten Qualle. Nun brennt mein gesamtes Gesicht bis in die Nase (dies werde ich das gesamte Rennen merken). Das Schwimmen ist sehr hart. Wind von der Landseite gegen die Wellen vom Meer…. Hin- und Hergeschwappe vom Allerfeinsten. Die Orientierung ist schwierig und ich habe ständig Kontakt mit anderen Athleten… keine Chance, in den Rhythmus zu kommen. Ich habe zudem auch noch einen schlechten Kopf und die Motivation schwindet. Es drohen sich negative Gedanken fest zu setzten. 500 m vor dem Ende, ja ich kann den Ausstieg schon sehen, noch eine Qualle, sie sticht mich so hart am Ohr, dass ich schwarz sehe…. Ich entkomme der Adria nach 1:10. Für die Bedingungen bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Einfach abhaken. 

Der Ironman Italy wird aus Spaß Pentathlon (Fünfkampf) genannt, da er wegen seiner langen Wechselzone aus SWIM-RUN-BIKE-RUN-RUN zu bestehen scheint. Vorteil für mich. Ich fliege auf Klickpedalen durch die Wechselzone. Zum ersten Mal der Gedanke: „Du hast die Beine, die du wolltest!“

Auf dem Rad sind die ersten 20 KM bis zur Autobahn schwierig. Viele deutlich langsamere Radfahrer teilweise nebeneinander auf engen Straßen und der Gegenwind ist ebenfalls stark. Auf der Autobahn finde ich nun langsam in meinen Rhythmus. Ich habe mir das Rennen vorher genau geplant, verfolge diesen Plan nun akribisch, um einen guten Marathon vorzubereiten. Ich merke, ich kann schneller fahren, lasse mich dieses Mal auf keine Spielchen mit vermeintlich schnellerer Athleten ein. Das Radfahren macht Spaß und ich fliege förmlich, die Scheibe fröhlich bollernd, über die flache Radstrecke. Dies ist einer der Momente, für die man an einem Rennen teilnimmt. Nach 40 KM, hinten am „Berg“ (darf man eigentlich nicht sagen nach dem Mont Ventoux), kommt nun der schöne Teil der Strecke. Die Stimmung ist richtig gut und man wird auf der Spitze mit Lärm und Applaus empfangen. Die Verpflegung sowie die Leistung halte ich wie geplant ein und ich erreiche nach 4:41 die Wechselzone. Unfassbar, hat doch mein Planungstool „BestBikeSplit“ genau diese Zeit vorausgesagt. 

Zurück in Cervia laufe ich nach kurzer Wechselzeit an, die ersten zwei Kilometer checke ich noch meinen Puls. Perfekt. Das Tempo ist klar schneller als geplant… aber die Technik, die sich gerade super gut anfühlt, verschlechtern, um langsamer zu laufen und noch weiter vom Puls runter zu gehen, um eventuell… bla bla? Nein! Das ist das letzte Mal, dass ich vor der Finishline auf die Uhr schauen werde. Ich habe nach dem Radsplit natürlich kurz an ein sub 9 Finish gedacht, aber mir dann weiter verboten, irgendwelche Gedanken in die Richtung zuzulassen, sondern einfach „leer“ im Kopf zu laufen. An der Stelle möchte ich nochmal Alex danken, der hier für das richtige Mindset gesorgt hat. Nun genieße ich einfach die guten Beine, das Race und gebe jedem Kind ein High-Five. Die Beine fühlen sich auch nach 20 KM einfach nur super an und ich laufe im Runners-High. Das war, was ich wollte: Das Ziel (Nicht Kona, nicht sub 9), einfach mal eine LD durchracen zu können, in den berüchtigten Flow zu kommen und zu gucken, was ich laufen kann wenn alles stimmt.  Ab KM 22 schleicht sich langsam ein Energieloch an. Nun stelle ich auf Cola und RedBull um. Alles rein, was zu greifen ist. Es dauert bis zum 30 KM Schild, bis der Motor wieder voll dreht. Das Loch verschwindet. Nun bin mir der Sub 3 h sicher. Ich kann das Gefühl, die letzten 10 KM nochmals aufdrehen zu können, nicht beschreiben. Wirklich, der rote Teppich fliegt mir entgegen. Doch dann direkt vor Paul K, der Ironman Voice dröhnt Bruno Mars mit Uptown Funk aus dem Lautsprecher „Stop! Wait a minute“ und ja, ich stoppe und tanze. Feiere mich, ein perfektes Rennen, den Marathon, BELLA ITALIA. 

Als 26. schnellster Agegrouper und unter den top 50 des Rennens empfange ich die Medaille.

Es reicht am nächsten Morgen nicht für Hawaii, doch das IST MIR EGAL. Eine Sub 9 konnte ich mir nicht vorstellen… und so einen Marathon, ohne Leidensmomente, ohne Loch, ohne negative Gedanken, ebenfalls nicht. 

Ich bin einfach nur dankbar. 

Dankbar für so ein super Rennen.

Dankbar für so tolle Leute um mich herum, die vor Ort oder von weiter weg die Daumen gedrückt haben.

Dankbar für eine weitere großartigere Erfahrung.

Dankbar, in so einem solch schönen Land wieder einmal die magischen Worte „YOU ARE AN IRONMAN“ gehört zu haben.

CIAO BELLA ITALIA, GRAZIE MILLE!


Facts:

SWIM: 01:10:13 / 1:51 min/100 m

T1: 00:04:53

BIKE: 04:41:13 38.31 km/hr

T2: 00:03:35

RUN: 02:58:44 4:15 min/km

TOTAL: 08:58:36, AK 7. Platz, Gesamt 47. Platz